Der Mutikult

Vermischung fremder Kulturen mit der eigenen, sind eine grosse Bereicherung für alle Beteiligten. Da können wir alle nur gewinnen. Fremde Kultureinflüsse haben Europa vorwärts gebracht und zu dem gemacht, was wir heute sind. Kann man diesen Satz vorbehaltlos so stehen lassen? Das würde bedeuten, dass jede noch so pervertierte Abart wie, Genitalverstümmelung, Steinigung, Tötung Homosexueller, Tötung andersgläubiger eine Bereicherung wäre. Betrachten wir diese Bereicherung, wie sie von Politikern und Medienleuten uns laufend verkündet werden, noch etwas genauer, was ist davon zu halten? Ich habe vor einiger Zeit das Thema Eritreer und Somalier, die Hauptflüchtlingsgruppen, die in die Schweiz drängen, kurz thematisiert. In diesen Ländern werden beinahe hundert Prozent (gemäss UNO-Angaben) der Frauen genital verstümmelt – eine kulturelle Bereicherung? Kaum! Die Migranten, die jetzt nach Europa strömen, sind bestens ausgebildet und hoch motiviert. Auch diese Sätzen gehören zum Standardrepertoire vieler Politik, für wie blöd halten die uns? Was zum Teil bei Flüchtlingen aus Syrien noch stimmen mag, die auf Geheiss der USA nach Europa transferiert werden, gilt für die Menschen aus Ländern Somalia, Eritrea und der Subsahara mit Garantie nicht. Die sind nicht einfach nur bildungsfern, sie sind in der Mehrzahl extrem bildungsfern mit einem grossen Anteil an Analphabeten. Wie können gewisse Politiker und Journalisten nimmermüde so etwas behaupten? Unwissenheit? Bewusste Propaganda? Oder doch eher Korruption als die treibende Kraft, solcher Aussagen?
Öffnen wir den Fächer ein wenig weiter, betrachten wir die kulturelle Bereicherung noch in Religions- und Glaubensfragen. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf den Islam eingehen, hier möchte ich auf einen dieser diversen Naturkulte verweisen wie der Mutikult, die Mutimedizin und die Hexerei.
Beides, der Mutikult und Hexerei, sind weitverbreitete Phänomene in der gesamten Subsahara. Natürlich bin ich mir bewusst, in Anbetracht unserer christlichen Kultur mit all in ihren Facetten, dass es keinen Grund gibt, auf andere verächtlich hinabzuschauen. Ich bin der Meinung, wir müssten uns bei diesen Entgleisungen endlich aus der mittelalterlichen Umklammerung befreien und nicht noch schrecklichere Kulte nach Europa importieren.

Der Mutikult
Lange galt es unter Ethnologen und Journalisten als heikel, über die Phänomene Mutimorde und Hexerei zu schreiben. Man wollte nicht in den Ruf kommen, die Afrikaner in kolonialer oder rassistischer Manier auf Wilde, Kannibalen oder Hexer zu reduzieren. Nun haben sich jedoch in den letzten Jahren Berichte über Menschenopfer in Südafrika, Nigeria, Kongo-Kinshasa oder Tansania derart gehäuft, dass man nicht umhin kommt, sie zu thematisieren - um was geht es?
In der Hauptstadt Gabuns fand eine seltsame Kundgebung statt. Durch die Hauptstrassen zogen etwa 12 000 Menschen, an der Spitze die Frau des Präsidenten. Sie protestierten weder gegen Entlassungen noch gegen Krieg. Die Menge demonstrierte gegen Ritualmorde. Das Thema mag für uns Europäer exzentrisch, exotisch und bizarr anmuten. Für die Gabunesen ist es Alltag. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein Zeitungsartikel von einer verstümmelten Leiche berichtet, die auf einer Brache oder an einem Strand gefunden wurde. In Gabun geht die Angst vor Ritualmorden um. Eine NGO hat sich kulturelle und juristische Aufklärung auf die Fahne geschrieben. Das Problem ist, die Auftraggeber der okkulten Verbrechen sind oft in den höchsten Kreisen zu finden. In Europa neigt man dazu, solche Meldungen als Gerüchte, Fantasien oder Aberglauben abzutun. Inzwischen gibt es jedoch starke Indizien, dass Ritualmorde tatsächlich in vielen Ländern im subsaharischen Afrika erschreckend häufig sind.
Das Auffinden von verstümmelten Leichen führt häufig zu Massendemonstrationen, in Botswana auch zu einer Studentenrevolte. Die Gründe sind vielfältig. So wurde eine Dürre in Botswana auf die Rückführung eines in Spanien ausgestellten ausgestopften Buschmanns zurückgeführt. Solche oder ähnliche Vorkommnisse führen zu den absurdesten Verschwörungstheorien. Während der Mord entrüstet verurteilt wird, ist doch der Glaube an die Wirksamkeit solcher Muti manifest. In Nigeria sind Kalenderblätter und Poster, auf denen insbesondere Reichtumszauber dargestellt, erläutert und verurteilt werden, weit verbreitet. Dies führt exorbitant häufig zu Ritualmordgerüchten. Es gibt tatsächlich Ritualmorde, weil es als normaler betrachtet wird, jemanden umzubringen, oder zumindest zu verhexen, um reich zu werden. Darum wird jeder Reiche mit diesen Verbrechen in Verbindung gebracht. Reiche Menschen in Afrika stehen also unter ständigem Verdacht, mithilfe von Hexerei zu ihrem Reichtum gekommen zu sein. Nicht wenige verwenden ja tatsächlich magische Hilfsmittel, die möglicherweise einen geringen Einfluss auf Selbstbewusstsein und Durchsetzungsfähigkeit haben. Unbedingt notwendig ist für jeden besser Situierten der entsprechend potente Schutzzauber gegen die Neidhexerei aus den Dörfern und gegen Konkurrenten.
Frauen und Männer, die nach einer Eheschliessung in Höfen oder Dörfern der nicht eigenen Verwandtschaftsgruppen einheiraten, gelten als Menschen mit hoher Ambivalenz und ungeklärter Loyalität. Nur selten können dann die Partner bei Spannungen zur eigenen Verwandtschaftsgruppe zurückkehren. Sie bleiben in der Folge Fremde und sind vom so wichtigen Ahnenkult abgeschnitten.
Eine weitere Quelle für die Hexenbezichtigungen ist die recht verbreitete polygene Strukturen der Subsahara. Bei der Verteilung des Eigentums des Mannes auf seine diversen Frauen sind oft Konflikte unausweichlich. Da hilft es, sich im Verteilkampf um die Güter eine bessere Position zu verschaffen, indem die Konkurrentinnen der Hexerei bezichtigt werden.
Besser haben es hier die matri-uxorilokalen Gesellschaften, bei denen die Frauen in der eigenen Verwandtschaft leben. Diese kennen keine deprivilegierten Witwen, wie die in patrilokal lebende, die in der Folge oft zum Ziel von Hexenbeschuldigungen werden. Der Genderaspekt spielt in afrikanischen Hexenverfolgungen eine eher untergeordnete Rolle. Es sind mehr die strukturellen Konflikte, die sich aus verwandtschaftlichen, beziehungsweise nachbarschaftlichen Konflikten ergeben.
Das Verhältnis der Zuschreibungen okkulter Kräfte, Hexenverfolgungen und dem Geschlecht bleibt im modernen Afrika auf jeden Fall hochkomplex, zumal keine monokausale Verbindung von Geschlecht und Verfolgung besteht, wie einst im europäischen Mittelalter. Da waren die Opfer hauptsächlich weiblich.
Zum Mutikult gehören auch die Mutimorde. Als Mutimorde werden Menschenopfer und Verstümmelung die im Zusammenhang mit den Mutipraktiken geschehen, bezeichnet. Diese Ritualmorde werden ausgeübt, um Teile des Körpers, denen besondere Kräfte nachgesagt werden (u.a. Hirn, Herz, Genitalien), bei Beschwörungen, Zaubersprüchen oder Heilungen zu verwenden.
Obwohl Muti-Morde ebenfalls zu den witchcraft related crimes der Subsahara gehören, unterscheiden sie sich deutlich von Hexenverbrennungen und anderen Formen der Gewalt, denen ein religions Motiv zugrunde liegt. Mutimorde sind auf den ersten Blick völlig motivlos. Die Angehörigen der Opfer und die mutmasslichen Täter schweigen aus Angst vor Rache. Ein markanter Unterschied ist, dass Hexenverbrennungen vor möglichst vielen Zuschauern vollzogen werden. Im Gegensatz dazu werden Mutimorde heimlich und vorwiegend in der Dunkelheit begangen. Bei der Frage nach dem Warum, wird man aus rein westlich-pragmatischer Sicht bei den komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen an Grenzen stossen. Sind doch die wahren Motive zumeist in obskuren Glaubensmustern der Magie und okkulter Mächte zu suchen.
Rituelle Muti-Morde terrorisieren die schwarze Bevölkerung. Die Weissen fürchten satanistische Gewaltverbrechen. Die Zahl der südafrikanischen Satanisten stieg in einem Jahrzehnt von wenigen Hundert auf mehrere Zehntausend. „Etwa jeder Zehnte von ihnen gehört zum harten Kern, in dem Ritualmorde üblich sind“, glaubt Geisterbekämpfer Attie Lamprecht. Unter den Teufelsanbetern sollen Richter, Polizisten, Ärzte, Geschäftsleute und Schuldirektoren sein, die in einem Geheimorden, der „Brotherhood of Ram“, organisiert sind.

Was ist Mutimedizin?

Zu den Ritualmorden gehört auch die Mutimedizin. Muti stammt ursprünglich aus der Sprache der Zulus. „Umu thi“ bedeutet Baum, giftiges Gebräu oder einfach Medizin. Mit dem Begriff werden auch die verschiedenen Heilmittel bzw. Mixturen selbst bezeichnet. Der Begriff Muti hat sich aber über fast ganz Afrika ausgebreitet und bedeutet heute per se die Form ritueller Verbrechen.
Als Heilmittel kommen hauptsächlich alle Arten von Kräutern und Pflanzen zum Einsatz, aber auch Erde und alle erdenklichen tierischen Produkte wie Ziegenfett, Knochen oder Schädel. Die Heilmittel werden unter anderem zu Pasten verrührt und dann auf der Haut verrieben oder durch Ritzen der Haut in den Blutkreislauf verbracht. Dies ist die harmlose Variante, als weniger harmlos gilt die Mutimedizin, die nur dank Mord zustande kommt. Diese Ritualmorde werden ausgeübt, um Teile des Körpers, denen besondere Kräfte nachgesagt werden, zu erhalten, unter anderem Hirn, Herz, Genitalien, Haut und Augen, die mit Beschwörungen, Zaubersprüchen für die Heilungen, Wahlerfolg oder besseren Geschäftsgang Verwendung finden. Das Schrecklichste dabei ist die verbreitete Vorstellung, dass die Organe dem lebenden Opfer entnommen werden müssen. Dass die damit fabrizierten Medikamente umso wirkungsvoller seien, je mehr Schmerzen das Opfer erlitten habe. Das erklärt, warum die verstümmelten Leichen oft auch noch Folterspuren aufweisen, zum Beispiel grossflächige Verbrennungen von Bügeleisen. Ebenso Überlebende, denen „nur“ ein Arm bei lebendigem Leib abgehackt wurde. In der traditionellen afrikanischen Medizin spielen Opfer, Fetische und Amulette, sogenannte Gris-Gris, eine wichtige Rolle. Dabei werden pflanzliche und tierische Ingredienzen verwendet. Gemeinhin geht man davon aus, dass die dargebotenen Opfer umso grösser ausfallen müssen, je gewichtiger das Anliegen ist. Bei einer hartnäckigen Erkältung reicht es vielleicht, im Namen Gottes oder eines Geistes ein Huhn zu opfern. Steht eine Firmengründung oder eine Hochzeit an, muss es schon ein Schaf oder gar ein Rind sein. Will jemand allerdings Minister werden, gibt es bestimmt Leute in seinem Umfeld, die zur Opferung eines Kindes raten. Dabei werden dem Körper Organe entnommen, die als besonders zaubermächtig gelten: Zunge, Augen, Genitalien.

Anwendungsgebiete der menschlichen Körperteile
Weibliche Brust: Quelle von Mutterglück, auch werden Fettgewebe der weiblichen Brust bei Geschäften eingemauert um dadurch weibliche Kundschaft anzuziehen.
Genitalien: Behebung von Potenzproblemen
Kehlkopf/Adamsapfel: Um vor Gericht Zeugen zum Schweigen zu bringen.
Atlasknochen: Gilt als sehr wertvoll, soll Körper und Geist verbinden.
Hände: Werden unter der Türschwelle vergraben, sie sollen die Kunden in das Geschäft bringen und ihnen das Geld aus der Tasche ziehen.
Bizeps: Für die eigene Muskulatur
Fettgewebe: Zusätzlich Magenhaut, Nieren und Leber sollen Glück bringen und helfen, eine gute Ernte einzufahren.
Urin und Sperma: Allgemein Glück und Erfolg.
Gliedmassen: Sollen Waren für Kunden attraktiv machen.
Schädel: Entweder als Ganzes vergraben, um sich vor gegnerischen Clans/Gemeinschaften zu schützen oder nur das Gehirn und der Atlas.
Zunge: Gilt als Liebesmedizin und soll den Weg zur Angebeteten öffnen.
Augen: Ermöglichen, zu Medizin verarbeitet, den Blick in die Zukunft. Sie werden aber auch ausgestochen, weil sie den Mörder gesehen und identifizieren könnten.
Nelson Mandela, der sich nicht als abergläubig bezeichnete, setzte sich lange
 gegen die schwarzen Schafe der Wunderheilerbranche ein. Doch auch er musste sich schon mit einem vermeintlichen Zauber auseinandersetzen, als er 1998 von einem Bienenschwarm angegriffen und mehrmals gestochen wurde. Die "Sangomas" behaupteten, es sei ein Zeichen für "Unfrieden mit den Vorfahren", Bienen seien deren klassische Repräsentanten. Doch Mandela praktizierte keinen Gegenzauber. Dafür hätte er eine Kuh und eine Ziege schlachten, einen Zaubertrank trinken und die Frauen der Familie Bier brauen lassen müssen, lautete ein Sangoma-Rat.
Die Experten von Südafrikas "Occult Unit" kennen sich mit den dunklen Praktiken der schwarzen Schafe unter den Sangoma oder Inyanga genannten Sehern und Heilern aus. Die meisten der rund 200 000 Naturheiler in Südafrika sind mehr oder weniger harmlos, viele setzen auf überlieferte Kräuterrezepte, Affenpfoten oder Hühnerkrallen. Doch für Zaubersprüche mit angeblich starken Kräften werden besonders schwer zu beschaffende Zutaten benötigt. Organe oder Extremitäten von Kindern gelten in bestimmten Kreisen als sehr wertvoll, da sie als rein angesehen werden. Kunden zahlen dafür oft viel Geld. Der Glaube an die Wirksamkeit des Mutizaubers ist in Afrika allgemein weit verbreitet - selbst Fußballnationalspieler oder Zeitungsredaktionen setzen auf übersinnliche Unterstützung. In Johannesburg lassen selbst Taxifahrer ihre Autos so gegen böse Fahrgäste schützen.
Drei Jahre nach einem schmutzigen Mord an Albinokindern machten Eltern in Swasiland sich wieder Sorgen. Die Wahlen in diesem kleinen Reich im südlichen Afrika rückten näher und Wahlzeit ist eine gute Zeit für Rituale schwarzer Magie, deren designierte Opfer die Albinos werden.
Obwohl die Parlamentswahlen im September und Oktober kaum die politische Situation in dieser Monarchie, wo ein Mehrparteiensystem sowieso verboten ist, umkrempeln dürften, wird das Risiko sehr ernst genommen. Das Land ist Mitte Mai in die Wahlperiode gegangen. „Die Behörden müssen sicherstellen, dass unsere Sicherheit garantiert ist“, forderte Skhumbuzo Mndvoti, ein Albinoführer, er drohte, nicht zu wählen und fordert von erwachsenen Albinos und Eltern, sich um Albinokinder mit besonderer Wachsamkeit zu kümmern während der Wahlen. Albinokinder sollten auf dem Weg zur Schule in Gruppen gehen und nicht allein zu Hause gelassen werden. Die Erwachsenen sollten vermeiden, nachts zu reisen, denn viele rituelle Morde geschehen in der Nacht. Mr. Mndvoti weiss, wovon er spricht. Er stammt ursprünglich aus der Stadt Nhlangano im Süden, Schauplatz des Verstümmelungsmordes an mehreren Albinokindern im Jahr 2010, ein 11-jähriges Mädchen wurde enthauptet gefunden. Mutipraktiken sind immer noch im ganzen südlichen Afrika verbreitet und die Anhänger machen aus abgeschnittenen Körperteilen Glücksbringer - Amulette. In einem Land, in der die informelle traditionelle Medizin volles Staatsrecht hat und zum Gesundheitssystem zusätzlich zur üblichen Medizin beiträgt, sind die Menschen schnell verloren und verwirrt und verwechseln Hexerei und traditionelle Medizin.

Für was Muti- Medizin gebraucht wird
Der Hintergrund sind Zauberei und der Glaube an deren Verheissungen. Man sagt, dass ein starker Zauberer seinem Kunden unglaublichen Reichtum bescheren kann, besonders wenn der Zauber mit den Gliedmassen eines Albinos ausgeführt wird, mit seinen Ohren, seinen Geschlechtsteilen oder seiner Zunge. Für einen kleineren Zauber reicht auch schon ein Finger oder ein Auge.
Einziges Ziel eines Mutimordes ist die Entnahme von Körperteilen, es gibt keine sexuelle Motivation. Die Opfer sind meist noch bekleidet. Arbeits- und Perspektivlosigkeit bringen Menschen dazu, sich als Mörder und Zulieferer der Sangomas zu verdingen. Normale Sangomas distanzieren sich von menschlichen Körperteilen in der Medizin, sie nennen solche hidden, also versteckte Medizin. Es ist schwierig, diejenigen Sangomas zu identifizieren, die Medizin aus menschlichen Körperteilen herstellen.
Das Thema mag exzentrisch, exotisch und bizarr anmuten. Für viele ist es Alltag. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein Zeitungsartikel von einer verstümmelten Leiche berichtet, die auf einer Brache oder an einem Strand gefunden wurde. In Europa neigt man dazu, solche Meldungen als Gerüchte, Fantasien oder Aberglaube abzutun. Inzwischen gibt es jedoch starke Indizien, dass Ritualmorde tatsächlich in vielen Ländern im subsaharischen Afrika erschreckend häufig sind.
„Pièces détachées“ – Ersatzteile – lautet in Gabun der schreckliche Ausdruck dafür. Hinter diesen Ritualen steht ein Glaubenssystem, das man in vielen traditionellen Gesellschaften findet. Es ist eine Art existenzielle Nullsummenlogik. Will einer mehr Macht oder Reichtum, muss ein anderer Macht oder Reichtum verlieren. Einer muss – im doppelten Sinne des Wortes – geopfert werden.
Albinokörper werden für Unsummen gehandelt, rund 11.000 Euro bringt ein abgehacktes Bein. Der Irrsinn hat bereits Nachahmungstäter im benachbarten Burundi gefunden, wo elf Albinos getötet wurden. Die Mörder hatten ausgesagt, ihre Ware in Tansania verkaufen zu wollen. Die Kunden der makabren Hexengerichte sind Goldgräber, die gemahlene Albinoknochen in ihre Schächte werfen, in der Hoffnung, auf eine fette Goldader zu stoßen. Es sind die Fischer am Viktoriasee, die Albinohaut an ihre Boote nageln, damit ihnen anschließend Barsche mit Gold im Bauch ins Netz gehen. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Selbst Politiker und Sportler stehen im Verdacht, die Dienste der blutigen Hexenmeister in Anspruch zu nehmen. "Nur darüber spricht niemand", sagt Al-Shaymaa John Kwegyir, die Albinobeauftragte der tansanischen Regierung. Vielleicht war er zu wenig einflussreich. 2009 war ein zwölfjähriges Mädchen ermordet worden. Der gefasste Mörder sagte aus, der gabunesische Senator Gabriel Eyéghé Ekomié habe ihm 40 000 Euro für die Genitalien des Mädchens geboten. Der Politiker wurde im Juni 2013 festgenommen und neun Monate in Präventivhaft genommen, dann wurde das Verfahren eingestellt.
Hierzulande wird das menschliche Leben banalisiert, sagt Ebang Ondo. Über seinem Kopf, neben dem Büchergestell, hängt das Foto seines massakrierten Sohnes Eric. Man getraut sich fast nicht zu fragen, tut es aber trotzdem. Warum braucht man denn eigentlich menschliche Organe? Was für eine irrsinnige Logik steckt da dahinter?
Das Wesentliche, erklärt Ebang Ondo, sei die Vorstellung von „pouvoir“, also von Kraft und Macht. Der Mensch sei wie eine Batterie, definiert durch seine Energie. Ein Politiker beispielsweise brauche besonders viel davon, also hole er sie sich von andern. Die Zunge gibt ihm Eloquenz, das Auge Klarsicht, das Herz und die Genitalien stehen für Vitalität. Er zitiert einen Täter, der zu seinem Opfer, bevor er es verstümmelte, sagte: Deine Zunge wird woanders sprechen.
In Gabun, sagt er, könne man sich kaum vorstellen, dass jemand einfach dank seinen natürlichen Qualitäten eine einflussreiche Position erreiche. Immer vermutet man Magie dahinter, und auch die Betroffenen selber verlassen sich kaum je bloss auf ihre professionellen Qualitäten.
Aber wie kommt es, dass ausgerechnet gebildete Leute an diesen Hokuspokus glauben? Es liege am Milieu, sagt Ebang Ondo, zwei Brüder gehen beispielsweise zum Studium nach London. Der eine bleibt dort, er wird diese ganzen Ideen vergessen. Der andere geht nach Afrika zurück. Egal, was er persönlich davon hält, er wird den Okkultismus nicht abschütteln können. Macht er nicht mit, nimmt man ihn nicht ernst. Für sein Machtstreben wird er buchstäblich über Leichen gehen.
Oft bringt man diese Art von Aberglauben mit Rückständigkeit, mangelnder Schulbildung und Armut in Verbindung. Umso verstörender ist es, dass es eher umgekehrt zu sein scheint. Es sind die Gebildeten und Mächtigen, die zu dieser Art okkulter Waffen greifen, und die Opfer sind jene am untersten Ende der sozialen Leiter, von deren Hinterbliebenen man kaum befürchten muss, dass sie zur Polizei gehen, oder die man mit ein paar Geldscheinen zum Schweigen bringen kann. Es ist ein Krieg der Reichen gegen die Armen, sagt Ebang Ondo.
Sicher gibt es auch viel Gerede, viele Gerüchte und Übertreibungen. Aber dass die Ritualmorde verbreitet sind, daran zweifelt in Gabun kaum jemand. Joseph Tonda, Professor für Anthropologie an der Universität Omar Bongo in Libreville, antwortet in einem Interview auf die Frage, ob es im Lande Machtträger gebe, die sich nicht solcher Mittel bedienten:“ Das ist kaum vorstellbar. Denn auch wenn sie selber nicht daran glauben, so tut es ihr Umfeld. Abgeordnete, Minister, Senatoren greifen zu diesen Mitteln, entweder um Macht zu erlangen oder um sie zu behalten. Tonda bringt das Phänomen vor allem mit der verbreiteten Neigung in Verbindung, alles, was von der Norm abweicht, mit dem Übernatürlichen zu erklären. So seien in der kollektiven Vorstellungswelt Macht und Hexerei Synonyme. Verstärkt werde dieser Glaube durch den beschleunigten gesellschaftlichen Wandel, der bei vielen Afrikanern das Gefühl von Unverständnis und Machtlosigkeit verstärke. Dann sei die Bereitschaft gross, zu magischen Erklärungen zu greifen.
Man könnte noch hinzufügen. Die verbreitete politische Intransparenz und Korruption, die ganze Unberechenbarkeit und Undurchschaubarkeit der Verhältnisse fördern sowohl bei der breiten Bevölkerung Paranoia und Misstrauen wie bei der Elite das Gefühl, man könne sich nicht allein auf Fleiss, Leistung und Rationalität verlassen. Angehende Politiker sind die Ersten auf der Liste der Verdächtigen, vielleicht Ritualmorde zu begehen
Man muss das Phänomen vor allem mit der verbreiteten Neigung in Verbindung bringen, alles, was von der Norm abweicht, mit dem Übernatürlichen zu erklären. So sind in der kollektiven Vorstellungswelt Macht und Hexerei Synonyme. Verstärkt werde dieser Glaube durch den beschleunigten gesellschaftlichen Wandel, der bei vielen Afrikanern das Gefühl von Unverständnis und Machtlosigkeit verstärkt. Dann ist die Bereitschaft gross, zu magischen Erklärungen zu greifen.
Man könnte noch hinzufügen, die verbreitete politische Intransparenz und Korruption, die ganze Unberechenbarkeit und Undurchschaubarkeit der Verhältnisse fördere sowohl bei der breiten Bevölkerung Paranoia und Misstrauen wie bei der Elite das Gefühl, man könne sich nicht allein auf Fleiss, Leistung und Rationalität verlassen.
Als besonders gefährlich gilt im subsaharischen Afrika die Zeit des Wahlkampfs. Dann kennen offenbar viele Kandidaten kaum Hemmungen, die Dienste von Schwarzmagiern in Anspruch zu nehmen, um eine Machtposition zu erringen. In Kongo-Kinshasa werden oft Kinder und manchmal sogar Babys der Hexerei verdächtigt. Dann müssen sie exorzistische Rituale über sich ergehen lassen, die an Folter grenzen. Man schlägt sie, um den Dämon zu vertreiben, macht Einschnitte in ihren Körper, damit das Böse entweichen kann, oder gibt ihnen nichts mehr zu essen (Heilfasten, den bösen Geist aushungern). In den letzten Jahren hat die Zahl der Strassenkinder in Kinshasa massiv zugenommen – eine direkte Folge der Hexenhysterie, weil die malträtierten Kinder meist irgendwann von zu Hause ausreissen. Hauptverantwortlich für diesen Aberglauben sind die evangelikalen Kirchen. Deren Prediger machen für Unglück in Familien oft die Kinder verantwortlich, die sie als Hexen entlarven. Bettnässen gilt als typisches Indiz, dass ein Kind des Teufels ist. Gelegentlich wird der Hexereivorwurf auch einfach erhoben, um ein missliebiges Kind zu mobben und loszuwerden. Die Rolle der Evangelikalen und der Pfingstkirchen ist zwiespältig. Einerseits verstehen sie sich als Kämpfer gegen alles Okkulte und Unchristliche. Andererseits bestärken sie den Aberglauben und die Verfolgung von Verdächtigten, indem sie überall Magie wittern und unaufhörlich der Hexerei, dem Teufel, den Dämonen und dem Bösen den Krieg erklären.
Auf den Rekrutierungsunterlagen der Présidence steht gross und deutlich - keine Fetische! Die Personalchefs sind angehalten, keine Mitarbeiter einzustellen, die beim Bewerbungsgespräch auf Hexerei, Magie oder Opfer verweisen. Es gibt zwar diesen Willen zur Modernisierung, aber – wie es ein Funktionär ausdrückt – im Innern herrscht immer noch der Urwald.
Das Problem der Ritualmorde beschränkt sich nicht auf Gabun. Im Januar 2013 stand Kamerun unter Schock. Zwölf junge Frauen waren im Mimboman-Viertel in Yaoundé umgebracht worden. Erst auf Druck der Presse nahm die Polizei ernsthafte Ermittlungen auf und stiess auf einen Organhandel zwischen Kamerun und Gabun. Mehrere Personen wurden schliesslich festgenommen.
In Burundi und Tansania wird vor allem auf Albinos Jagd gemacht. Ihren Knochen wird magische Wirkung zugetraut. Ihnen allen spricht man besondere Kraft zu.
Als Hochburg für Ritualverbrechen gelten Südafrika – wo sich eine ganze Spezialabteilung der Polizei um die sogenannten Mutimorde kümmert – und Nigeria. Waisenhäuser und Kinderheime in der Metropole Lagos sind inzwischen streng gesichert, und die Verwaltung ist äusserst vorsichtig geworden, was Adoptionen angeht, weil es so viele Missbrauchsfälle gab. In den Jahren 2011 und 2012 entdeckte die Polizei „Babyfabriken“, wo Frauen gegen Entgelt ihre Kinder zur Welt brachten und sie den Betreibern zur weiteren «Verwendung» überliessen. Oft hört man auch von kannibalischen Riten bei Rebellengruppen, so etwa in Liberia oder in Kongo-Kinshasa. Manchmal geht es dabei darum, sich die Kraft des Feindes einzuverleiben oder sich unverletzbar zu machen.

Wer ist besonders gefährdet?
Zur Kolonialzeit wurden Albinos oft getötet, sie galten als Weisse. Bis heute werden sie häufig als „lebende Geister“ bezeichnet, und alle möglichen kruden Vorstellungen werden mit ihnen in Verbindung gebracht. So nehmen viele Fischer am Viktoriasee an, Albinohaare lockten Fische an. Im Haus der Albinogesellschaft auf Ukerewe steht an der Wand: „Wir schmelzen nicht in der Sonne, wir verschwinden nicht, wir leben und sterben wie normale Leute.“
Hinter der Hatz steht der Aberglaube, Körperteile von Albinos könnten zu zauberkräftiger Medizin verarbeitet werden. Für das Bein oder den Arm eines Albinos können auf dem Schwarzmarkt bis zu 2000 Franken verlangt werden. Sogar in der Metropole Dar es Salaam mussten Albinos zeitweise dermassen um ihr Leben fürchten, dass die Regierung sie mit kostenlosen Handys ausstattete. Vor allem sind die okkulten Vorstellungen jedoch im Nordwesten von Tansania verbreitet, die dortige Stadt Mwanza wurde auch schon als „Hauptstadt der Hexerei“ bezeichnet. Die Situation ist so schlimm, dass die Insel Ukerewe im Viktoriasee zu einer Art Schutzzone erklärt wurde; rund siebzig Albinos leben dort. Früher waren es oft von den Eltern ausgesetzte Kinder, die dort Unterschlupf fanden, heute sind es vor allem Albinos, die aus Mwanza auf die Insel flüchten.
Zwischen 1998 und 2015 hat eine Menschenrechtsorganisation 140 Tötungen von Albinos in Afrika verzeichnet. Dahinter steckt ein weitverbreiteter Aberglaube, dem zufolge Körperteile von Albinos Glück bringen. Weisse Haare, in Fischernetze geknüpft, sollen die Fangchancen vergrössern, das Trinken von Albinoblut das Liebesglück steigern. Besonders kostbare Trophäen sind Amulette oder Schuhe aus Albinohaut. Für die Hexendoktoren, die mit derlei Menschenmaterial handeln, ist es ein lukratives Geschäft.
Bis zu 70 000 Euro sollen die Körperteile eines kompletten Leichnams auf dem Markt einbringen. In jüngster Zeit haben eine Reihe besonders makabrer Attacken Aufsehen erregt, im Norden des Landes wurde ein 18 Monate altes Mädchen im Wald tot aufgefunden worden, Arme und Beine des Leichnams waren abgetrennt. Unbekannte hatten das Kind Tage zuvor bei einem nächtlichen Überfall entführt und dabei seine Mutter schwer verletzt. In einem anderen Fall hackten Angreifer einem sechsjährigen Jungen mit einer Machete eine Hand ab, auch seine Mutter kam ins Krankenhaus, nachdem sie versucht hatte, ihren Sohn zu verteidigen. Berichten zufolge haben sich Attacken auf Albinos in den vergangenen Monaten gehäuft, was unter anderem auf die im Herbst anstehenden Parlamentswahlen zurückzuführen sein dürfte. In Wahlkampfzeiten ist unter den Anwärtern auf einen Abgeordnetenposten der Bedarf an Glücksbringern besonders gross. Albinos leben gefährlich in Tansania und in vielen anderen afrikanischen Ländern. Zwielichtige Wunderheiler behaupten, ihre Gliedmaßen würden Glück, Macht und Reichtum bringen. Kriminelle machen regelrecht Jagd auf die Menschen mit der bleichen Haut, um ihre Gliedmassen zu verkaufen. "Sie schlachten uns ab wie Hühner", klagt die Generalsekretärin der tansanischen Albinogesellschaft Zihada Msembo. Selbst Kinder töten sie, manchmal vor den Augen ihrer Eltern. Die Knochen der Ermordeten landen in angeblichen Zaubertränken, ihre Haare flechten Fischer in Netze, weil sie glauben, dann mehr zu fangen. Die Haut eines Albinos kaufen verblendete Fanatiker für 2400 bis 9600 Dollar je nach Alter des Opfers. Daressalam, Tansanias Regierungssitz, einige Monate später. Seit der Jurastudent Jacob die Geschichte von Vumilia und ihren Mördern im Radio gehört hat, wacht er nachts manchmal von Albträumen auf, in denen Männer mit Macheten Jagd auf ihn machen, denn seine Haut ist genauso hell wie ihre. Obwohl Jacob hier, in der Grossstadt, relativ sicher lebt, zieht er sich seine Baseballkappe ins Gesicht, bevor er ins Freie tritt. Jacob macht sich auf durch das Gewusel des Busbahnhofs. Er versucht, die Kinder zu übersehen, die verdutzt stehen bleiben, und die Erwachsenen, die ihn anstarren und tuscheln. Jacob bewegt sich als einziger heller Punkt durch die schwarze Menschenmenge. Die Haut des 21-Jährigen ist blass und fleckig, die Haare unter seiner Mütze locken sich in Hellgelb, aus aschgrauen Augen schaut er in die Welt. Jacobs Körper fehlt der Farbstoff. Es ist ein Gendefekt, nicht selten, er tritt überall auf der Welt auf. Albinismus. Der Körper produziert kaum Melanin, ein Pigment, das zum Beispiel die Haut dunkel färbt und gegen die Sonne schützt.
Laut dem UNO-Flüchtlingskommissariat gibt es seit dem Jahr 2000 zweiundsiebzig aktenkundige Fälle in Tansania, aber nur deren Fünf führten zu Gerichtsverfahren. Neben den Albinos gibt es weitere Bevölkerungsgruppen, die als besonders gefährdet gelten, zum Beispiel Mischlinge, Pubertierende, Pygmäen, Zwillinge und deren Eltern. Ihnen allen spricht man besondere Heilkraft zu. Zur Kolonialzeit wurden Albinos oft getötet, sie galten als eine Art Weisse. Bis heute werden sie häufig als „lebende Geister“ bezeichnet, und alle möglichen kruden Vorstellungen werden mit ihnen in Verbindung gebracht. Im Haus der Albinogesellschaft auf Ukerewe steht an der Wand: „Wir schmelzen nicht in der Sonne, wir verschwinden nicht, wir leben und sterben wie normale Leute.“ Hinter der Hatz steht der Aberglaube, Körperteile von Albinos könnten zu zauberkräftiger Medizin verarbeitet werden. Sogar in der Metropole Dar es Salaam mussten Albinos zeitweise dermassen um ihr Leben fürchten, dass die Regierung sie mit kostenlosen Handys ausstattete. Vor allem sind die okkulten Vorstellungen jedoch im Nordwesten von Tansania verbreitet, die dortige Stadt Mwanza wurde auch schon als „Hauptstadt der Hexerei“ bezeichnet. Die Situation ist so schlimm, dass die Insel Ukerewe im Viktoriasee zu einer Art Schutzzone erklärt wurde, rund siebzig Albinos leben dort. Früher waren es oft von den Eltern ausgesetzte Kinder, die dort Unterschlupf fanden, heute sind es vor allem Albinos, die aus Mwanza auf die Insel flüchten. Zwischen 1998 und 2015 hat eine Menschenrechtsorganisation 140 Tötungen von Albinos in Afrika verzeichnet. Dahinter steckt ein weitverbreiteter Aberglaube, dem zufolge Körperteile von Albinos Glück bringen. Weisse Haare, in Fischernetze geknüpft, sollen die Fangchancen vergrössern, das Trinken von Albinoblut das Liebesglück steigern. Besonders kostbare Trophäen sind Amulette oder Schuhe aus Albinohaut. Für die Hexendoktoren, die mit derlei Menschenmaterial handeln, ist es ein lukratives Geschäft. In Tansania gelten Albinos oft als Aussätzige, als sonderbar und verwunschen, sie werden angestarrt, abgewiesen, ausgelacht. 150.000 bis 200.000 Albinos, schätzt der Verein Tanzania Albino Society, leben unter den 38 Millionen Einwohnern des Landes. Doch seit einigen Jahren müssen sie um ihr Leben fürchten, weil selbst ernannte Medizinmänner magische Tränke aus ihren wessen Körpern brauen. Mehr als 40 Albinos sind in Tansania bereits ermordet worden, das sind offizielle Angaben, die wahre Zahl liegt wohl viel höher. Am häufigsten haben die Albinomörder in den ländlichen Gegenden im Norden des Landes zugeschlagen.
Nirgendwo sonst in Afrika leben so viele Albinos wie in Tansania. Zwischen 170.000 und 300.000 Menschen sollen es sein, die aufgrund eines genetischen Defekts mit einer weißen Hautfarbe und extrem lichtempfindlichen Augen auf die Welt kommen. Sie müssen sich vor der Sonne hüten, weil sie schnell an Hautkrebs erkranken, in der Schule kommen sie häufig nicht mit, weil sie nicht erkennen können, was vorn an der Tafel steht. Und gesellschaftlich sind sie geächtet, weil der Glaube vorherrscht, sie seien Geister. Neugeborene Albinos werden häufig sofort getötet. Man sagt, Albinos sterben nicht, sondern sie "verschwinden". Das war seit jeher eine gute Ausrede für Ritualmorde.
Das vorerst letzte Opfer der Albinohatz in Mwanza heißt Jessica Charles. Sie starb am 21. Juni dieses Jahres, einem Sonntag. Jessica hatte an jenem Sonntag um 16 Uhr das elterliche Haus in Kichili, einem Vorort von Mwanza, verlassen, um zur Kirche zu gehen. Sie wollte bis 18 Uhr zurück sein, rechtzeitig zum Einbruch der Dämmerung. "Wir haben mit ihr über die Albinomorde gesprochen und sie war sich der Gefahr bewusst", erzählt ihr Vater Joshua Charles. Doch Jessica kam weder an diesem Abend zurück noch am nächsten Morgen. Ihr Vater erstattete eine Vermisstenanzeige.
Eine Woche später wurde Jessicas Leiche auf einer Müllkippe der Stadt entdeckt. Beide Beine sowie beide Arme fehlten. Die Ohren waren ihr abgeschnitten worden, auch die Zunge, ein Auge fehlte.
178 Verdächtige hat die Polizei inzwischen im Zusammenhang mit den Albinomorden im ganzen Land festgenommen. Verurteilt aber wurde bislang niemand. Es gibt kein Geld, um Zeugen vorzuladen und sie in einem sicheren Hotel unterzubringen, es gibt kein Geld, DNA-Analysen an den gefundenen Körperteilen durchzuführen, und es gibt kein Geld, zusätzliche Ermittler nach Mwanza zu schicken. Der Gouverneur der Region Mwanza hat versucht, sich auf seine Weise zu helfen. Zusammen mit dem Polizeichef hat er € 12500 Belohnung zur Ergreifung der Zauberer und ihrer Helfershelfer ausgesetzt. Ein Mordfall konnte auf diese Weise schnell geklärt werden. Das Geld kam indes nicht von der Regierung, sondern von Privatleuten.
In Südafrika, im Zuluteil des Landes, benachbart zum Swasiland, "war es sogar in den letzten zehn Jahren normal, zu glauben, dass Albinokinder Opfer eines Fluches waren und das Zeugnis eines Fehlers ihrer Vorfahren", so Braam Mouton, der Direktor einer Schule für Behinderte in Hillcrest, wo viele kleine Albinokinder mit schlechten Augen aufgenommen werden.
Das Schlimme ist, dass die Kriminellen von mächtigen Männern bis in Regierungskreise gedeckt werden. Selbst hochrangige Beamte hängen dem Irrglauben an, die Gliedmassen von Albinos würden ihre Macht bis an ihr Lebensende sichern.

Der Hexenglaube blüht in weiten Teilen des modernen Afrikas
Man muss verstehen, was für eine Bedeutung die Geister für das Leben eines Menschen haben. Sie werden nicht zuletzt gebraucht, um sich mit den Ahnen gut zu stellen.
Seit dem letzten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts dominierende Globalisierungs- und Modernisierungstheorien gewann die Hexerei als Antwort auf diese Entwicklung an Bedeutung.
In Afrika gibt es weder ein einheitliches noch geschlechtsspezifisches Hexenbild. Dennoch sind auch in Afrika massive Hexenverfolgungen meistens geschlechtsbezogen.
Eine extreme Form okkulter Aggression findet sich besonders in der Sub-Sahara-Zone,  die Austreibung und anschliessenden Tötung von Hexen oder deren Vertreibung.
In einer globalisierten Welt, seit der 1990 Jahre, versteht sich die Hexerei als Gegenstück zu einer Welt, die sich zunehmend der Kontrolle des Einzelnen entzieht. Es ermöglicht den Globalisierungsverlierern, sich durch okkulte Kräfte doch noch als Handelnde zu erfahren. Je mehr Parteien ein Land in einen Wahlkampf schickt, um so stärker versuchen die Kandidaten, sich durch schwarzmagische Experten einen Wahlvorteil zu erringen. Da kommt die Mutimedizin ins Spiel, in der Körperteile von Getöteten die Wahlchancen erhöhen sollen.
Die katholische Kirche tut sich bis heute schwer bei der Frage, ob es sich bei den afrikanischen Hexen um vom Teufel Besessene handelt, auf die das „Rituale Romanum“ angewendet werden kann. Die Pfingstler sind da nicht so wählerisch und versprechen genau in diesen Fällen die diesseitige Erlösung.
Am effektivsten sind die Pfingstkirchen, einerseits, weil sie die Hexerei als Realität akzeptieren, sie aber andererseits von ausserhalb zu bekämpfen versuchen. Die mystische Kraft an sich wird weder als gut noch als böse betrachtet. Sie hat zwar ihren zwingenden Ursprung in Gott, aber in der Praxis wird diese Macht durchaus als ambivalent wahrgenommen. Diese Kraft wird zum Schutz der Gemeinschaft wahrgenommen, zur Vorbeugung von Krankheiten und Unglücksfällen, ebenso zu produktiven Zwecken verwendet. Als Eingeweihte geben sie vor über verborgene Informationen zu verfügen, die Geheimnisse von Gegenwart und Zukunft zu durchdringen und haben die Fähigkeit, Übeltäter, die der Gemeinschaft schaden, zu entlarven. Man bittet sie um Hilfe, wenn Gegenmassnahmen gegen Unheil erforderlich sind. Die religiösen Funktionsträger verfügen über die notwendigen Mittel bei der Abwehr, Schwächung oder Zerstörung der bösen Kräfte. Sie helfen und verschaffen den Menschen mit Amuletten, Pulvern, Federn, Beschwörungsformeln oder Einschnitte am Körper.
Von den Zauberern, bösen Magiern und Hexen glaubt man, dass sie Fliegen, aber auch Fledermäuse, Vögel, Schlangen und Geister aussenden, um ihre Macht auszuleben. Auch können sie mit dem bösen Blick Schaden anrichten, auch vergraben sie Medizin an Stellen, an denen das Opfer vorbei gehen muss, oder sie verstecken magische Gegenstände im Haus und auf den Feldern, um dem Opfer zu schaden oder es gar in den Tod zu schicken. Sie verfügen über Kräfte, die sie befähigen, Fluch, Leid und Tod aus der Ferne zu senden. Auch wühlen sie Gräber auf, um Menschenfleisch oder deren Knochen zu fleddern, um andere Menschen zu verzaubern, von ihnen Besitz zu nehmen oder sie sonst wie anzugreifen. Dazu gehört auch der Sasabonsamist, ein boshafter, aber eher menschenscheuer Waldgeist bei den Akan sprechenden Ethnien in Ghana. Er hockt auf den Bäumen und greift mit seinen spinnenlangen, bis auf den Boden reichenden Beinen unachtsame Jäger auf. Wenn er schlecht gelaunt ist, verspeist er auch mal den einen oder anderen.
Die meisten Afrikanerinnen und Afrikaner sind der festen Überzeugung, dass all die Übel, Unglücke, Krankheiten, Tragödien, Unfälle, einfach alles Schlechte durch den Missbrauch von mystischer Macht, Geister, Zauberei oder durch Hexen verursacht wird. Wobei sie glauben, dass sich Hexen ihrer Untaten nicht bewusst sind, weil sie ihr Unwesen oft nachts ausserhalb ihres schlafenden Körpers treiben. An der westafrikanischen Küste sind teilweise die Erinnerungen an transatlantischen Sklavenhandel noch in den Gedanken und Erzählungen gegenwärtig. Damit verbunden sind Ängste, Europäer seien Kannibalen und ihre dunkelfarbigen Schuhen aus der Haut schwarzer Afrikaner gefertigt.
Mit der Auflösung des staatlichen Gewaltmonopols leben religiöse und ethnische Gewalt wieder auf, sodass viele Nigerianer den Eindruck haben, in einen Naturzustand zurückzusinken. Zu Beginn der Unabhängigkeit 1960 hatten viele erwartet, dass der schwarze Kontinent, von den Fesseln des Kolonialismus befreit, mit grossen Schritten die soziale und technologische Entwicklung Europas nachholen werde. Doch es kam anders. Beinahe alles, was die 140 Millionen Nigerianer an Industriegütern konsumieren, wird im Ausland hergestellt. Selbst die Landwirtschaft ist weitgehend in die Subsistenzwirtschaft zurückgefallen, sodass sich Nigeria mit einem Grossteil der Lebensmittel im Ausland versorgen muss.
Das Beispiel Nigeria zeigt, dass ein Grossteil des sozialen Verfalls und der Armut mit dem Glauben an Zauberei und Hexerei zu hat. Nach europäischer Sicht müsste ein Zusammenrotten der Unterprivilegierten gegen die immer grösser werdende Kluft von Arm und Reich stattfinden. Dem ist aber nicht so, die Armut wird nicht in der Ausbeutung von Grossgrundbesitzern oder kapitalistischen Unternehmern gesehen - der Reichtum stammt grösstenteils aus Erlösen der Öleinnahmen und anderen Bodenschätzen, ebenso aus Schmuggel, Drogen- Waffen- und Kinderhandel, aber die Menschen glauben, der Reichtum habe mit Hexerei und Zauber zu tun.
Politische Macht befindet sich nicht dort, wo sie laut Verfassung sein müsste. Nicht bei Institutionen, sondern bei Personen, die über die Fähigkeit verfügen, anderen ihren Willen aufzuzwingen. Wie sie diese Macht erworben haben, ist für Aussenstehende nicht einsehbar und somit nicht kontrollierbar. Die Arkana der Macht werden daher, ähnlich wie in vorkolonialer Zeit, mit okkulten Praktiken in Verbindung gebracht. Nicht so sehr mit Hexerei, sondern mit Ritualmorden, Zauberei und Geheimgesellschaften. Selbst Minister und Präsidenten umgeben sich ganz offen mit Zauberern und Wahrsager, um ihre Widersacher einzuschüchtern. Mit dieser Haltung ist an eine demokratische Kontrolle nicht zu denken. Gleichgültig, ob unter militärischer oder ziviler Herrschaft, die Nigerianer sind kaum in der Lage, auf die Bedienungen, unter denen sie leben, Einfluss zu nehmen. Ihre Lebenswelt wird von fremden Kräften beherrscht, die sie nicht zurückdrängen oder vertreiben, sondern bestenfalls zu ihren eigenen Gunsten manipulieren können.
Mit dem Vorwurf, Hexe zu sein, ist zugleich ein moralisches Urteil gesetzt. Die Hexe ist der Feind im Inneren, der Verräter, der Mitglieder seiner Gruppe unterstützen müsste, aber insgeheim auf ihr Verderben sinnt.
Nehmen wir als weiteres Beispiel den Westen Ugandas, hier hat sich seit den 1990 Jahren die Angst vor Hexen und Kannibalen wie eine Epidemie verbreitet. Die Angst der Menschen voreinander ist Ausdruck einer „existenziellen Krise“, die durch den Verfall öffentlicher Institution und dem Terror von Rebellenbewegungen und durch die krassen Gegensätze von Arm und Reich verursacht wurden.
Natürlich weiss jeder, dass Nigerias Politiker, Polizisten, Verwaltungsangestellte, ja sogar Lehrer korrupt sind. Aber warum funktionieren die Staatsorgane in Europa? Selbst Intellektuelle glauben in ihrer allgemeinen Ratlosigkeit, die Überlegenheit der Europäer gründe in der Tatsache, dass sie die stärkeren Hexen oder Zauberer haben. Wie sonst soll es ihnen gelungen sein, Computer zu bauen oder Raketen. Statt die Ursachen der Probleme in sozialen oder ökonomischen Strukturen zu suchen, vermutet man sie in den finsteren Machenschaften bösartiger Wesen. Damit verändert sich die Lösungsstrategie, nicht das gesamtgesellschaftliche Handeln bringt eine Veränderung, sondern das Arrangement mit den bösen Kräften, die sich sowieso nicht vertreiben lassen. Ihren Kräften kann sich auch niemanden entziehen, so bleibt höchstens die Möglichkeit, diese zu eigenen Gunsten zu manipulieren.
Das Abstruse kennt keine Grenzen, so wurde die AIDS-Epidemie nur von den Europäern und Amerikaner erfunden, um die Afrikaner zu veranlassen, Kondome zu benutzen, damit sie sich nicht mehr vermehrten. Wer sich dennoch mit Kondomen schützen wolle, habe keine Chance, denn auch die Kondome seien mit tödlichen Viren verseucht.
Die von der UNO (UNICEF) organisierten Impfaktionen gegen Kinderlähmung ist nur eine amerikanische Verschwörung, um das Land zu entvölkern. Der Impfstoff enthalte Substanzen, die AIDS übertragen, um die Menschen umzubringen.
Die BBC verbreitete im Sommer 2004 die Nachricht, in Nigeria ginge die Furcht vor Anrufen auf das Handy um. Dabei ging es um eine ganz bestimmte Nummer, vor dieser Nummer gehe die Gefahr aus. Wer diesen Anruf entgegen nehme und die Botschaft abhöre, falle innerhalb von 10 Minuten tot um.
Satanische Kräfte werden durch fromme Riten vertrieben, doch das Abgespaltene behält Macht über das Ich und drängt sich ihm immer wieder auf, in bedrohlichen Träumen und Krankheiten, diabolischen Verführungen und Geisterattacken. In Afrika sind auch die Eliten vom Hexen- und okkulten Glauben längst infiziert, dieser Glaube macht auch vor Richtern, Professoren, Ministern und Staatspräsidenten nicht halt.
Das Projekt der Moderne, die Entzauberung der Welt, ist in vielen Regionen Afrikas gescheitert. Nur wenige Jahrzehnte nach dem Ende der Kolonialzeiten lodert die Angst vor Hexen, Zauberern und Dämonen in alter Blüte wieder auf. Daran hat auch die Christianisierung nichts geändert, wird der christliche Glaube einfach mit in die okkulten Handlungen integriert.
Die Frage, wie Hexerei verbreitet wird, ist ein vielfältiges Thema. Ist die Fähigkeit erblich bedingt, oder auf welche andere Weise kann sie übertragen werden, etwa auch durch den Genuss bestimmter Lebensmittel? Bei einem öffentlichen Geständnis in einer Pfingstkirche berichtete eine Frau, wie ihr die Tante ein gekochtes Entenei in die Hand gedrückt habe. Nach dessen Verzehr habe sie sich gegen ihren Willen in eine Hexe verwandelt.
Im subsaharischen Afrika allerdings gibt es ein merkwürdiges Phänomen: Der hier massenhaft verbreitete (bis zu 90 %) Hexenglauben beinhaltet in seiner Kosmologie ein bestimmtes Verhältnis von Magie und Reichtum. Wer schnell zu Reichtum und Macht kommt, wird verdächtigt, dazu unsaubere Wege eingeschlagen zu haben, mithilfe mächtiger Zauberei, Muti genannt. Umgekehrt fürchten etwas erfolgreichere Verwandte von Neidhexerei getroffen zu werden, manche bewohnen ihre frisch erbauten Villen nicht, aus Angst vor den hineingehexten Zaubern, andere kehren nicht mehr zurück in die Dörfer, die meisten geraten in ein System der gemeinschaftlichen Ausbeutung des Emporkömmlings.
Nun ist Hexerei in Afrika nicht nur Fantasie, sondern auch Realität. Realität in dem Sinne, dass tatsächlich Witch-Doctors ihren Klienten Kontaktgifte empfehlen und zubereiten können, mit denen beispielsweise Glasscherben geimpft und vor der Türe eines Opfers ausgestreut werden.
Wann immer ein Regierungsoffizieller schnell auf- oder absteigt, ist Hexerei im Spiel. Ein Ritualmordgerücht vermag dort Menschen zu „zivilgesellschaftlichem“ Engagement zu bewegen, wie kaum ein anderes Thema. Der Prozess der Akkumulation wird in Afrika unter dem Hexereiidiom (Eigenart) gefasst, und dieses Idiom durchdringt das Leben erstaunlich weit. Zombies sind durch Hexen entführte Arbeiter, deren spirituelles Double nachts zur Zwangsarbeit auf geheimen Feldern geführt werden. Hexenglauben ist keineswegs Zeichen von vormodernem Archaismus, sondern erweist sich wie der Antisemitismus als anpassungsfähig, wandelbar, und jede gesellschaftliche Kategorie von Klasse, Bildungsgrad, Geschlecht und Alter durchdringend.
Um die Gesellschaft in Afrika zu verstehen, muss man den Hexenglauben verstehen, denn diese versteht sich selbst nur durch diesen und schafft so ihre Realitäten. Die Gewalt, die der Hexenglaube entfesselt, ist insbesondere in Kongo, Südafrika, Nigeria und Tansania enorm. Wenn Hexereivorstellungen weitergehend als ohnehin gerade der Fall ethnisiert werden, also von Verwandten und Nahestehenden als Verursacher auf ganze Ethnien, Wanderarbeiter und Minderheiten projiziert werden, wächst das Gewaltpotenzial weiter an.
Die Pastoren und Pastorinnen der zahllosen evangelikalen Kirchen, die in Dörfern und Städten wie Pilze aus dem Boden spriessen, schüren die Panik vor Hexen und Dämonen und bieten sich gleichzeitig als Hilfe zur Bewältigung des Elends an, das sie selbst mit verursacht haben. Je mehr böse Geister sie aufspüren, je mehr Exorzismen sie zelebrieren, umso erfolgreicher bestehen sie in der Konkurrenz mit den anderen Glaubensgemeinschaften. Denn wer den Teufel besiegt, ist Gott nahe. Unheilbare Hexenkinder müssen beseitigt, erschlagen, ausgesetzt werden.
Der Kinderhexenwahn ist in Nigeria um das Jahr 2000 ausgebrochen. Angeblich erkennt man ein verhextes Kind daran, dass es von früh an frech ist, lügt, stiehlt und sich den Erwachsenen widersetzt. Im Fischerhafen der nigerianischen Stadt Ibaka sollen sich Hexenkinder in Rudeln zusammengerottet haben, ausgesetzte, kranke und in panischer Angst vor Killertrupps vegetierende Jungen und Mädchen, die sich von rohen Fischabfällen ernähren.
Die Gesichter vieler sind von Narben zerstört, sie zeichnen Spuren von Messern. Sie wurden von Säure verätzt, Brandflecken bedecken ihre Körper. Einigen fehlen Fingerglieder, die die Eltern ihnen abschnitten, damit sie bekennen. In afrikanischen Ländern südlich der Sahara werden immer mehr Kinder der Hexerei bezichtigt, verfolgt, geschlagen und getötet. Die meisten „bana bandoki" („Hexenkinder") sind von ihren Familien verstossen worden und auf der Strasse gelandet. Sie gelten als zaubermächtig. Angeblich benutzen sie ihre magischen Fähigkeiten dazu, um andere Menschen zu schädigen. Viele Erwachsene sehen in ihnen die Verkörperung des Bösen. Allein in Kinshasa, der kongolesischen Hauptstadt, soll es Zehntausende verhexter Kinder geben. Die Demokratische Republik Kongo mit 65 Millionen Einwohnern, die sich zu 70 Prozent zum Christentum bekennen, ist der drittgrösste Staat Afrikas und fast sieben Mal so gross wie Deutschland. Dort sind die betroffenen Kinder oft erst neun oder zehn Jahre alt. Weil ihre Eltern befürchten, von ihren eigenen Sprösslingen durch Zauberei ins Unglück gestürzt zu werden, duldet man sie nicht mehr in der Nähe, sie müssen Haus, Familie und Dorf verlassen. In vielen Städten, aber auch auf dem Land stösst man auf Tausende verhexter Strassenkinder.
Impulsgeber und Nutzniesser des Hexenkinderwahns in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara sind vor allem die aus dem Boden schiessenden evangelikalen Kirchen. Sie pflegen den Glauben an böse Geister und dämonische Besessenheit und halten die Mittel – insbesondere Beschwörungen, Segnungen, exorzistische Rituale - bereit, um Abhilfe zu schaffen. Fast alle Strömungen des afrikanischen Christentums sind fundamentalistisch, das heisst, dass sie von der Realität des Teufels, der Dämonen und Geister überzeugt sind. In Nigeria sind es vor allem Geistliche der fundamentalistischen Glaubensgemeinschaften, die Kinder als Hexen bezichtigen. Wie zur Zeit der frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen in Mitteleuropa, so halten sich die afrikanischen Theologen heute noch an 3. Mose 20,6: „Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen." Selbst von katholischen Geistlichen hört man, dass sie ihren Pfarrkindern geweihte Kerzen und Pulver verkaufen, mit denen sie die sie bedrohenden Hexen und Dämonen vertreiben sollen.
Zehntausende Minderjähriger sind von den Folgen der Bezichtigungen betroffen. Sie werden geschlagen, angekettet, verbrannt, mit Säure übergossen und nicht selten getötet. Dämonologie, Hexerei und Exorzismus wirken als probate Mittel bei der Selbstbehauptung, Abgrenzung und inneren Festigung von Glaubensgemeinschaften. Die Überzeugung, dass es Hexen gibt, ist ein fester Bestandteil des orthodoxen afrikanischen Christentums. Besonders jene christlichen Kirchen, Gemeinschaften und Gemeinden, die der Pfingstbewegung zugehören oder ihrem Geist nahestehen, haben sich auf diesem Gebiet einen Namen gemacht: „Mount Zion Lighthouse / Leuchtturm Berg Zion", „Kreuzzug der geborenen Herrscher", „Apostolische Kirche Nigerias" „Gemeinschaft der Sieger" und „Botschaft Christi".
Zwischen 1994 und 1998 sollen allein in Tansania 5000 Menschen den epidemisch aufflackernden und um sich greifenden Hexenjagden zum Opfer gefallen sein. Der Glaube an Hexerei in Afrika ist alt und, radikalisiert durch die dualistische Zuspitzung des Christentums, heute noch überall verbreitet. Indessen wird das Phänomen der verhexten Kinder, das im 17. und 18. Jahrhundert in fast allen Ländern Mitteleuropas und in Nordamerika virulent war, erst seit etwa 1990 beobachtet. In dieser Zeit ist in Afrika die Bedeutung von Religiosität im Allgemeinen und der Okkultismus wie Zauberei im Besonderen, beträchtlich gewachsen. In manchen Teilen des Kontinents ist der Hexenglaube heute aktueller denn je. Magie und Zauberei sind von erheblichem Einfluss auf die Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen der betroffenen Völker. In einigen Ländern – wie zum Beispiel Kamerun oder Kenia – drohen Menschen, die aufgrund der Expertisen von Hexendoktoren der Hexerei angeklagt wurden, Gefängnisstrafen bis zu zehn Jahren. Im Norden Nigerias, wo die Scharia eingeführt wurde, steht auf Hexerei die Todesstrafe.
Im letzten Jahrhundert kam es im subsaharischen Afrika immer wieder zu Anti-Hexerei-Bewegungen (u.a. in Kenia, Sambia, Rhodesien, Malawi, Tansania, Kongo). Gegen Ende des 20. Jahrhunderts nahmen die Verfolgungen an Schärfe zu. Wegen vermeintlicher Hexerei sollen in wenigen Jahren Zehntausende Menschen getötet worden sein. Die Übergriffe und Morde, bei denen die Opfer oft auf das Grausamste zugerichtet wurden, werden von grossen Teilen der Bevölkerung getragen und gefördert. Wenn einer vermeintlichen Hexe ein mit Benzin gefüllter Autoreifen als Brandbeschleuniger um den Hals gelegt und angezündet wird, gilt dieser Akt als Reinigung, der die Gemeinschaft vom Bösen befreit. Viele Afrikaner machen Hexen und Zauberer für ihr persönliches Elend verantwortlich. Die afrikanischen Hexenverfolgungen hängen mit dem ökonomischen Zusammenbruch und der herrschenden Armut zusammen. So erweist sich der subkulturelle Okkultismus Afrikas als ein Globalisierungs- und Modernisierungsphänomen. Mit der Auflösung des staatlichen Gewaltmonopols lebt religiöse Gewalt auf. Die Handhabung okkulter Kräfte stellt für die Menschen im Elend ein letztes verzweifeltes Aufbäumen dar. Die Grausamkeiten, die Soldaten und Rebellen in den Kriegen vor der Jahrhundertwende an der Bevölkerung verübten, verursachten unvergessliche Traumata. Ruandische Soldaten sollen schwangeren Frauen die Bäuche aufgeschlitzt, Kinder an die Wand geschlagen, Frauen vergewaltigt und das Fleisch Getöteter gegessen haben. Mit der Zahl der Aids-Toten nahmen die Hexereiverdächtigungen sprunghaft zu. Kurz vor der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert sollen allein in der Northern Province von Südafrika Hunderte von vermeintlichen Hexen und Hexern erschlagen oder lebendig verbrannt worden sein.
Religion war und ist in Afrika ein wesentlicher Bestandteil des kulturellen und sozialen Lebens. Der Glaube an spirituelle okkulte Kräfte zieht immer mehr Aufmerksamkeit auf sich. Pfingstkirchen, christliche Heils- und Freikirchen, charismatische Erweckungs- und Erneuerungsbewegungen, aber auch islamische und islamistische Glaubensbewegungen sind auf dem Vormarsch. Im Einflussbereich der Pfingstkirchen gilt Hexerei als Werk des Teufels. Die Kirche verspricht den Sieg über die Dämonen- und Geisterwelt. Am Ende können auch Hexen erlöst werden, wenn sie Reue zeigen. Mit ihrem Wunder- und Dämonenglauben stehen die afrikanischen Pfingstgemeinden dem Urchristentum gewiss näher als moderne Europäer mit ihrer rationalisierten Weltsicht.
Neben den Pastoren bieten unzählige Heiler Hilfe an. Priester und Wahrsager werden konsultiert, wenn die Gemeinschaft oder ein einzelner Schaden zu nehmen droht oder unter einer Krankheit leidet. Mit Hilfe von Amuletten, Pulvern, Federn sowie unter Verwendung von Beschwörungsformeln oder durch Einritzungen in den Körper verschaffen sie ihren Klienten mystische Kraft. Dies geschieht entweder direkt und unmittelbar aufgrund der Zauberkraft des magischen Aktes und des Heilers oder aber durch Einschaltung von Gott, den Ahnen oder hilfreichen Geistern. Der Wunsch, sich von Hexen, Zauberern und Dämonen abzuschirmen, treibt den Kirchen Millionen von Gläubigen zu.
Es gibt Länder wie zum Beispiel Nigeria, da kann jeder seine eigene Kirche eröffnen und spirituelle Dienstleistungen anbieten. Keine andere Wirtschaftsbranche kann derart hohe Wachstumsraten verzeichnen. Es braucht nur ein Minimum an startkapital. Kircheneröffnungen gelten als Low-Budget-Unternehmen. Es braucht dafür weder eine theologische Ausbildung noch besondere Kenntnisse über den Glauben. Es reicht vollumfänglich, wenn man von sich behauptet, über charismatische Kräfte zu verfügen. Ein halbes Jahrhundert nach der Kolonialzeit sind die wichtigsten Errungenschaften der Moderne, der Staat und sein Gewaltmonopol, verfallen, sodass die Menschen sich wieder selber um ihre Sicherheit kümmern müssen. Menschenfleisch im Kofferraum soll vor Pannen schützen, zerriebene Kinderkörper Aids heilen.
Selbst ernannte Propheten jagen den christlichen Kirchen südlich der Sahara die Gläubigen ab. In Uganda trieb ein Sektenführer Hunderte in den Tod. Die Ministerin für Moral und Integrität im Kabinett von Präsident Yoweri Museveni gibt dem Westen die Schuld für die Tragödie. "All dieser Unsinn kommt doch aus Amerika", sagt Miriam Matembe, "wie die Homosexualität, oder auch, dass Frauen andere Frauen lieben, sind apokalyptischen Kulte die es zu bekämpfen gilt."
So ein Kult hat ihr Land jetzt weltweit in die Schlagzeilen katapultiert. In Uganda verbrannten sich mehrere Hundert Mitglieder der "Bewegung für die Wiedereinsetzung der Zehn Gebote Gottes". Die Gläubigen folgten in einer Kirche im Dorf Kanungu dem Ruf ihres Sektenführers Joseph Kibweteere. Der hatte den Weltuntergang angekündigt und gleichzeitig die Erlösung: Seine Anhänger würden nach dem gemeinsamen Freitod mit einer neuen Arche Noah ins Paradies fahren. Was von der Verheissung blieb, waren fürchterliche Bilder aus dem Land, das Winston Churchill einst die "Perle Afrikas" genannt hatte, eine bis auf die Grundmauern niedergebrannte Kirche, ein Haufen verkohlter Leichname - und der Verdacht, dass viele Leute unwissend oder unter Zwang ins Verderben geführt worden waren. Die Polizei fand Körper von Sektenmitgliedern, die offenbar umgebracht worden waren, weil sie am Endzeitgottesdienst nicht teilnehmen wollten.
"Die Menschen sind hungrig nach einem Gott, und sie sind vertrauensselig", sinniert Ministerin Matembe über das grauenvolle Ereignis. Ihr Präsident bedauert den rätselhaften Massentod in seinem Land als eine neue Art von "Barbarei". Tatsächlich w